Über mein Leid

Meine Eltern haben mich am Computer groß gezogen. Dadurch habe ich nie gelernt, mich auf gesunde Art und Weise in soziale Gefüge zu integrieren. So wohne ich beispielsweise seit 2018 in Darmstadt, habe hier aber noch nie jemanden in der "freien Wildbahn" kennengelernt. Ich habe einen Bekannten, den ich durch die Psychiatrie kennengelernt und einen Freund, den ich durch meine Beschäftigung in einer Behindertenwerkstatt kennengelernt habe, aber das zählt nicht. Denn in der Psychiatrie sowie der Behindertenwerkstatt sitzt man den ganzen Tag aufeinander, so dass selbst blinde Hühner die Chance erhalten, mal ein Korn zu finden. Vielmehr möchte ich darauf hinaus, dass ich mich nicht mal traue bei meinen Nachbarn zu klingeln, wenn sie ein Paket für mich angenommen haben. Und wenn ich eine Frage an meine Nachbarn hätte, würde ich mich erst recht nicht trauen, diese Frage zu stellen. Wie soll ich in dieser Verfassung dann erst in der Lage sein, Menschen in Clubs, Kneipen, Cafés, im Herrngarten oder auf der Straße anzusprechen? Darum ist meine "Freizeit" eine sehr einsame und besser mit dem Wort "Absitzzeit" zu beschreiben.

 

Mit meiner Schriftstellerei und Buchbinderei kompensiere ich dieses Defizit, indem ich Gedichtbände verschenke, wenn ich in den seltenen Genuss einer Bekanntschaft gerate. Denn dann erscheine ich "besonders", und hoffe so ein besonders starkes "Band"  knüpfen zu können.

 

Bis ich im Jahre 2015 geheiratet habe, gab es eine Seite namens "Flirtlife", über die ich ausschließlich Menschen, bzw. Frauen kennengelernt habe. Die Seite war sehr gut. Ich meldete mich mit meinem 16. Lebensjahr dort an, und hatte bis zu meiner Hochzeit dadurch kein einziges Lebensjahr mehr, das ich nicht in einer Beziehung, bzw. mit einer Frau verbracht hätte. Leider waren es allesamt eher 1-jährige Beziehungen, aber ich wurde stets schnell wieder fündig. Dadurch hatte ich lange Zeit nie das Gefühl, an einem Defizit zu leiden. Man schrieb einfach schnell jemand auf "Flirtlife" an, und hatte meistens kurz darauf schon eine Verabredung. Die User dort ließen sich als sehr "reaktionsfreudig" beschreiben.

 

Dann kam eine 3 Jahre währende Ehe, durch die ohnehin kein Grund bestand, weiter nach anderen Menschen zu suchen. Man hatte ja bereits traute Zweisamkeit. Auch hier verspürte ich noch kein Defizit.

 

Doch dann kamen die Scheidung und meine Obdachlosigkeit... und als ich dann wieder Boden unter den Füßen hatte, und mich wieder daran machen wollte, durch Flirtlife Menschen kennenzulernen, fand ich heraus, dass es die Seite von damals nicht mehr gab. Dann folgte eine Odyssee durch Parship, Friendscout24, Lovoo und vielen anderen teils kostenlosen und teils kostenpflichtigen Single-Seiten. Und dabei stellte ich fest, dass die User der anderen Seiten nicht mal antworten oder einem direkt den Kontaktwunsch verneinen. Nach einigen Jahren des vergeblichen Suchens auf diesen Seiten, gab ich schließlich auf, im Internet nach einer Partnerin zu suchen.

 

Seitdem fühle ich mich "gestrandet" auf einer einsamen Insel. Allein, frustriert, verzweifelt. Darum fühle ich mich sehr getriggert von dem Lied "Sie hat was vermisst" von Bela B, weil ich ebenso gebrochen und ratlos bin, seit meine Exfrau aus meinem Leben verschwunden ist. Ohne, dass ich es wusste, war sie mein letzter Halt in dieser Welt, die sich seit meiner Jugend gewandelt hat.

Lyrics:

"Ich traf dich an, als gebrochenen Mann.
Das unfassbare war geschehen.
Sie hat dich verlassen, du kannst es nicht fassen.
Und versuchst zu verstehen, denn du hast es nicht kommen gesehen.


Es ist einfach vorbei, ohne Streit und Geschrei
Und du verstehst die Welt nicht mehr.
Siehst nur deinen Schmerz, dein gebrochenes Herz.
Und kannst es nicht verstehen, denn du hast es nicht kommen gesehen.

 

Sie ist gegangen und ließ dich ratlos zurück.

Sie ist gegangen und mit ihr ging auch dein Glück.
Ich kann verstehen, dass du traurig und auch wütend auf sie bist.
Doch sie ist gegangen, denn sie hat was vermisst.

 

Du hast ihr vertraut, hast immer auf sie gebaut.
Du wusstest was sie anpackt wird gut.
So hat sie sich entfernt, sie wurde kastig wie Bernd.
Es wurde still um euch Zwei, darum hörtest du nicht ihren Schrei.

 

Sie ist gegangen und ließ dich ratlos zurück.
Sie ist gegangen und mit ihr ging auch dein Glück.
Ich kann verstehen, dass du traurig und auch wütend auf sie bist.
Doch sie ist gegangen, denn sie hat was vermisst.

 

Sie ist gegangen und ließ dich ratlos zurück.
Sie ist gegangen und mit ihr ging all dein Glück.

(...)"